Der digitale Schnuller!

Der Ausschuss für Gesellschaft und Bildung informiert in Zukunft in periodischen Abständen zu diesem Thema.
Informationen zu diesen Themen: www.smart-aufwachsen.at
Artikel 2:
Alle Eltern kennen das Gefühl, eine kurze Pause vom Alltag mit Kindern zu benötigen.
Fernseher, Handy und Ipad sind in solchen Momenten die schnellste Lösung, wenn auch nicht unbedingt die beste.
Der „digitale Schnuller“, das Handy oder IPad, kommen immer häufiger zum Einsatz, was man auch in Gasthäusern und Restaurants beobachten kann:
Das Kind sitzt wie „ausgeschaltet“ am Tisch der Eltern, während die Eltern in Ruhe essen. Hält man sich vor Augen, dass gemeinsames Essen für die Sprachentwicklung wichtiger ist als das Vorlesen von Kinderbüchern, können wir uns alle vorstellen, dass der Gebrauch des digitalen Schnullers auch für die Sprachentwicklung nicht unbedingt von Vorteil ist. Vor allem im Alter von 0-3 Jahren könnten wir unsere Kinder unbeabsichtigt schädigen, wenn der digitale Schnuller zu oft zum Einsatz kommt. Gerade in dieser Zeit steht die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder im Mittelpunkt, die auf menschlicher Interaktion und einem Gegenüber beruht, nicht auf digitalen Reizen, Ablenkung und Dopamin-Kicks.
Wird ein Kind zu oft durch das Handy, das Ipad oder den Fernseher abgelenkt, werden innere Empfindungen durch schnelle, visuelle Reize überlagert – ein schneller Kick kann das Kind ablenken, nicht aber wirklich beruhigen. Uns Erwachsenen geht es im Grunde ja ähnlich – wir wissen selbst am besten, dass uns das Handy nicht beruhigt, sondern eher ablenkt und aufputscht. Wie immer geht es auch hier um das Maß als Mittel aller Dinge.
Babies und Kleinkinder brauchen viel Kontakt, um ein gutes Gefühl für ihren eigenen Körper und das eigene Selbst zu entwickeln. Sie wollen sehen, spüren, hören, greifen, krabbeln, fallen, schaukeln, berührt und gehalten werden, sodass sie Bedürfnisse nach z.B. Essen, Schlaf, Kontakt und Bewegung gut einordnen und ihnen nachgehen können.
Nur durch diese „echten“ Erfahrungen über den Kontakt zu anderen Menschen und die Berührung kann sich die Wahrnehmung von sich selbst und dem eigenen Körper gut entwickeln. Kommt dies alles zu kurz, ist es für Kinder auch im späteren Leben schwer, sich selbst in ihren Emotionen und Bedürfnissen zu regulieren und diese zum Ausdruck zu bringen.
Der wechselseitige Blick zwischen Kind und Bezugsperson löst im Gehirn Prozesse aus, die Vertrauen, Bindung und emotionale Sicherheit fördern. Depressive Eltern oder Eltern, die viel auf ihr Handy starren, sind für Kleinkinder nicht wirklich greifbar, es mangelt ihnen am „Gespiegelt werden“ durch die Eltern. Kinder fragen oft über einen Blick „Bin ich ok?
Sind meine Gefühle ok? Bist du eh da?“ Diese Fragen können von einem Handy oder Eltern am Handy nie ausreichend beantwortet werden. Wird das Handy zu oft als Beruhigungsmittel eingesetzt, ist die wertvolle Blick- und Berührungsbeziehung bei beiden unterbrochen, denn beide sind somit abgelenkt. Jeder Kontaktabbruch berührt und beeinflusst das Kind, auch wenn wir es nicht bemerken.
Der digitale Schnuller kann im Familienalltag entlastend sein, doch sollte er v.a. im Alter von 0–3 Jahren mit Vorsicht zum Einsatz gebracht werden. Was Babies und Kleinkinder am meisten brauchen, ist echte menschliche Präsenz: Körperkontakt, Blickkontakt, ein Gegenüber das spiegelt und reagiert. Diese Erfahrungen fördern Selbstwahrnehmung, emotionale Sicherheit, soziale Kompetenz und die reiche Entwicklung des kindlichen Gehirns – etwas, das kein digitaler Schnuller ersetzen kann.

Stefanie Estermann-Lagally, BA pth MA
Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision
Integrative Gestalttherapie
Coaching, Supervision & Künstlerische Therapien
www.stefanieestermann.at
stefanie.estermann@live.at
0664 400 19 34
Artikel 1:
Schon Babys und Kleinstkinder sieht man oft mit dem Smartphone in der Hand. Was für manche niedlich aussieht, nimmt massiven Einfluss auf die frühkindliche Entwicklung.
Dass die ständige Präsenz des Handys bei Teenagern und Erwachsenen zu einer Art Suchverhalten führt, ist vielen schon bewusst. Bei Babys und Kleinstkindern ist der Einfluss darüber hinaus noch dramatischer: auch körperliche Entwicklungen werden gestört, diese Defizite können später nicht immer aufgeholt werden.
Im Interview: Dr. Arnika Thiede, Kinderärztin im Klinikum der Barmherzigen Brüder in Linz.
Sie behandelt regelmäßig Kleinkinder mit Verhaltensstörungen, die sie auf übermäßigen Medienkonsum zurückführt.
Was löst die Mediennutzung in einem so jungen Alter aus?
Um das zu beantworten, muss man sich anschauen, welche Entwicklungen in diesem Alter statt- finden: Sprachentwicklung und die Sozialisation in der Gruppe. Ein kleines Kind braucht das Gegen-über mit Mimik und Gestik, die Interaktion. Das alles bekommt es vor dem Bildschirm nicht. Denn der ist nur auf Senden eingestellt.
Wie wirkt sich das aus?
Die Kinder lernen das Sprechen und die soziale Interaktion nicht. Das heißt, sie lernen beispielsweise nicht, dass man auf Dinge zeigt, dass es Blickkontakt braucht, dass man auch mit Mimik und Gestik kommunizieren kann. Bei uns in der Ambulanz landen diese Kinder ganz oft mit der Frage: Wieso spricht mein Kind nicht? Wieso hat es kein Interesse an anderen? Ist es vielleicht autistisch? Es gibt bereits den Begriff des Pseudo-Autismus durch den übermäßigen Bildschirm-Medienkonsum.
Wie können Medien die körperliche Entwicklung eines Babys beeinflussen?
In den Ambulanzen sehen wir häufig Verhaltens- oder Sprachauffälligkeiten. Aber es gibt auch andere gesundheitliche Gefahren. Dazu zählt die Kurzsichtigkeit. Der Augapfel entwickelt sich durch das häufige Bildschirmsehen anders, das Auge wird kurzsichtig. In 25 Jahren wird der Hauptgrund dafür, dass Menschen frühzeitig erblinden, die Kurzsichtigkeit durch den Bildschirm sein.
Man weiß auch, dass durch das blaue Licht der Bildschirme die Schlafhormonproduktion vermindert wird und Kinder schlechter schlafen. Zugleich steigt das Level des Stresshormons Cortisol. Und das wiederum wirkt auf den Appetit. Der Hormonhaushalt des Kleinkindes kommt somit durcheinander. Die Kinder werden dick, weil sie kein Sättigungsgefühl mehr haben, nicht nur weil sie sich zu wenig bewegen.
Außerdem weiß man aus Studien mittlerweile, dass der ständige Medienkonsum zu Veränderungen im Gehirn führt. Wir können die schnellen Medienbilder nicht verarbeiten. Das ist, als ob man im Schnellzug sitzt und die Bilder mit 250 km/h an einem vorbeiziehen. Das Gehirn stellt sich darauf mit der Zeit ein. Deshalb werden die Bereiche im Gehirn, wo das Sehen verarbeitet wird, größer. Aber das Gehirn insgesamt wächst natürlich nicht. Das bedeutet, dass andere Bereiche, die nicht mehr so trainiert werden, kleiner werden. Die motorischen Fähigkeiten, die Sprachfähigkeiten sind davon betroffen. Das Volumen dieser Bereiche vermindert sich.

Dr. Arnika Thiede